22.08.2022

Neuer Dreh für die E-Mobilität

Cost-per-Part bei der Bearbeitung von Statorgehäusen im Fokus

Wenn sich ein Hersteller von Werkzeugmaschinen und ein für seine Auf- und Feinbohrwerkzeuge bekannter Werkzeughersteller für ein gemeinsames Projekt zusammenfinden, sind außergewöhnliche Ergebnisse vorprogrammiert. NILES-SIMMONS und MAPAL haben gemeinsam einen Prozess entwickelt, der die Bearbeitungszeit von Statorgehäusen für Elektromotoren aus der E-Mobility-Branche deutlich reduziert und dabei mit innovativen Details aufwartet.

Das Semischlichtwerkzeug für die Innenbearbeitung wird umschlossen vom glockenförmigen Außenbearbeitungswerkzeug.
  • Das Semischlichtwerkzeug für die Innenbearbeitung wird umschlossen vom glockenförmigen Außenbearbeitungswerkzeug.
  • Das Statorgehäuse in der Nahaufnahme.
  • Das Bild zeigt das Semischlichtwerkzeug und oben das Werkstück.
  • Das Schruppwerkzeug bei der Bearbeitung.
  • Das Werkstück taucht in den Ringspalt zwischen Außenwerkzeug und Innenwerkzeug.
  • Das Fertigbearbeitungswerkzeug in der Anwendung.
  • Thomas Lötzsch, Christian Winkler und Daniel Pilz von NILES-SIMMONS mit André Ranke, Axel Schwarze und Heiko Süß von MAPAL.

Der Wandel in der Automobilindustrie vom konventionellen Verbrennungsmotor hin zum Elektroantrieb wird immer deutlicher. NILES-SIMMONS stellt sich diesem Umbruch und zielt mit effizientesten Herstellungsverfahren auf die Teilefertigung für die E-Mobility-Branche, um an die erfolgreichen Zeiten in der Kurbelwellenfertigung nahtlos anzuknüpfen.

Der überwiegende Teil der von NILES-SIMMONS in Chemnitz gebauten Maschinen dient der Bearbeitung rotationssymmetrischer Werkstücke. Während hier die Drehbearbeitung im Vordergrund steht, konzentriert sich MAPAL als Werkzeughersteller überwiegend auf kubische Bauteile, die gebohrt, gerieben und gefräst werden. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass es zwischen den beiden Unternehmen in der Vergangenheit wenig Berührungspunkte gab. Das sollte sich bei der EMO 2019 ändern. Am Messestand von MAPAL hat NILES-SIMMONS, ein Exponat entdeckt, das als Drehteil identifiziert wurde: ein Statorgehäuse für Elektromotoren. MAPAL hatte bis dahin die Feinbohrwerkeuge für die Bearbeitung der Teile auf Fräszentren als sehr effizienten, hochgenauen Prozess in der Industrie etabliert. 
 

Thomas Lötzsch, Christian Winkler and Daniel Pilz from NILES-SIMMONS with André Ranke, Axel Schwarze and Heiko Süß from MAPAL.
Project team (from left): Thomas Lötzsch, Christian Winkler, Daniel Pilz (all from NILES-SIMMONS), André Ranke, Axel Schwarze and Heiko Süss (all from MAPAL).  © MAPAL

A beneficial blend of turning and boring or fine boring

Soon, both sides had the impression that a combination of drilling, boring and fine boring could take machining this key component for e-mobility to a new level. Following the trade show, they set up a joint development project. NILES-SIMMONS rebuilt a machine for the project and MAPAL supplied tools for pre-, semi- and fine machining.
A close-up of the stator housing.
Machining the stator housing includes internal machining with various sections, machining the smaller centre bore and machining the outside with its cooling ribs.   © NILES-SIMMONS-HEGENSCHEIDT GmbH
Pot-shaped parts like stator housings are a frequently used design for electric motors in the automotive industry. The thin-walled aluminium housing features ribs on the outside for the cooling circuit and is installed in the larger motor housing. “Here, we have a rotational workpiece with a rear-side imbalance that can be turned, but, due to the high level of diameter accuracy and the shape and position tolerance required by the market, must be bored and fine bored,” says MAPAL’s Area Sales Manager André Ranke, describing the starting point for the partnership. A customer workpiece was not used for the tests carried out at NILES-SIMMONS with MAPAL technicians as part of the project. Instead, MAPAL designed a dummy that featured all production-ready requirements. The inner diameters vary between 220 mm and 231 mm, and the ou­ter dia­meters between 250 mm and 260 mm. Inner and outer fit tolerances in the IT6 range and cylindrical forms between 20 and 30 µm are required. The concentricity between the different diameters is limited in some cases to 0.05 mm.

Alle Werkzeuge sind bereits in der Maschine

Für die Entwicklung wählte NILES-SIMMONS eine Pick-Up-Drehmaschine vom Typ DZS 315 der ebenfalls in Sachsen ansässigen NSH-Tochterfirma RASOMA. Die Maschine ist modular aufgebaut und kann somit für die jeweilige Bearbeitung passgenau konfiguriert werden. Im Versuchsaufbau wurden eine oben angeordnete vertikale Werkstückspindel, eine unten angeordnete Werkzeugspindel, ein Werkzeugkonsol und ein Werkzeugrevolver eingesetzt. Generell können weitere Bearbeitungseinheiten in die Maschine integriert werden und somit alle notwendigen Werkzeuge in der Maschine untergebracht werden, um Rüst- und Nebenzeiten zu minimieren. Die obere Spindel nimmt das Werkstück auf und verfährt es in einer einzigen Aufspannung mit dem Bettschlitten nacheinander zu den Stationen.
Das Schruppwerkzeug bei der Bearbeitung.
Erster Arbeitsschritt ist das Schruppen der Innenseite des Gehäuses.   © NILES-SIMMONS-HEGENSCHEIDT GmbH

Die vertikale Bearbeitung bietet Vorteile. Zum einen eine platzsparende Verkettung der einzelnen Bearbeitungseinheiten, der optimale Transport von Spänen und Prozesshilfsstoffen sowie eine kompakte Maschinenbauweise mit geringer Aufstellfläche inklusive einem Pick-up System.

„Beim Drehen ist das Pick-up eine übliche Lösung, wie sie bei vergleichbaren Teilen heute schon vielfach genutzt wird. Diese Beladung ist für eine automatisierte Großserienfertigung von Statorgehäusen ideal konzipiert“, berichtet Thomas Lötzsch, Verkaufsleiter bei NILES-SIMMONS. 

Der entscheidende Vorzug des neu entwickelten Prozesses ist die damit mögliche Steigerung der Produktivität. Auf Anhieb ist es gelungen, die Produktionszeit für das Bauteil im kombinierten Dreh-Bohr-Verfahren gegenüber dem konventionellen Drehprozess um 50 Prozent zu verkürzen. Daniel Pilz, der das Projekt bei NILES-SIMMONS leitete, beschreibt, wie die Zeit in den einzelnen Arbeitsschritten eingespart wird, bei denen sich von Fall zu Fall Werkstück, Werkzeug oder beide gleichzeitig drehen.
 

Bewährte Werkzeuge auf neue Weise eingesetzt

Die erste Station dreht den bislang von MAPAL eingesetzten Prozess um. Anstatt das Bauteil mit einem drehenden Werkzeug zu schruppen, steht das Werkzeug in der Maschine still, und nur das von oben kommende Werkstück dreht sich. Weil das Werkzeug von MAPAL im Gegensatz zu einem herkömmlichen Drehmeißel mit vier Schneiden ausgestattet ist, wird für das komplette Vorschruppen der verschiedenen Innendurchmesser am Bauteil nur etwa ein Viertel der Zeit benötigt.
Das Werkstück taucht in den Ringspalt zwischen Außenwerkzeug und Innenwerkzeug.
Bei der simultanen Bearbeitung wird das Werkstück von oben in den Ringspalt zwischen dem Außenwerkzeug und dem Innenwerkzeug gefahren. Bei der Zerspanung wird dabei mit reichlich Kühlschmierstoff gearbeitet.   © NILES-SIMMONS-HEGENSCHEIDT GmbH

Im zweiten Bearbeitungsschritt kommt ein von NILES-SIMMONS eigens entwickeltes Glockenwerkzeug für die Außenkontur in Kombination mit einem MAPAL ISO-Aufbohrwerkzeug für die Semischlichtbearbeitung des Innendurchmessers zum Einsatz. Die Innen- und Außenseite des Werkstücks werden gleichzeitig bearbeitet. „Die Besonderheit ist, dass ein stehendes Außenbearbeitungswerkzeug am Spindelgehäuse angebracht ist. Die Spindel treibt das Innenbearbeitungswerkzeug an“, beschreibt Daniel Pilz den Aufbau. In den von diesen beiden Werkzeugen gebildeten Ringspalt taucht das Werkstück ein. Mit einer einzigen Vorschubbewegung werden alle Durchmesser hergestellt, das sind bei diesem konkreten Bauteil je drei Innen- und Außendurchmesser. Pro Durchmesser sind vier Schneiden eingesetzt. „Zusammen mit dem Vorteil, dass wir innen und außen simultan bearbeiten, kommen wir insgesamt auf nur noch ein Achtel der Zeit, die wir für konventionelles Drehen benötigen würden“, rechnet Pilz vor. Weitere Vorteile sind:

•    Durch die gegenläufigen Schnittkräfte von Innen- und Außenbearbeitung muss am Spannmittel des Werkstücks ein geringeres Drehmoment gehalten werden. 
•    Schwingungen des dünnwandigen Bauteils bei der Bearbeitung werden durch den zeitgleichen Eingriff der Schneiden innen und außen gedämpft.

Die zeitgleiche Innen- und Außenbearbeitung fand bei diesem Versuch mit einer Schnittgeschwindigkeit von 700 m/min statt. Die Bearbeitung im Sandwichverfahren mit dem Werkstück in der Mitte sorgt dafür, dass das Bauteil während der Bearbeitung stabilisiert wird, weil die Schneiden von beiden Seiten gleichzeitig im Eingriff sind und so das Teil führen. Aufwendige Spanntechnik mit Schwingungsdämpfung erübrigt sich damit, was sich bei den Kosten bemerkbar macht. Während die Industrie das Werkzeug von MAPAL bereits auf horizontalen Bearbeitungszentren zur Innenbearbeitung von Statorgehäusen einsetzt, wurde das glockenförmige Außenwerkzeug von NILES-SIMMONS neu entwickelt und der innovative Prozess zum Patent angemeldet.
 

The finishing tool in use.
Fine machining of all inner diameters is done with a fine boring tool.   © NILES-SIMMONS-HEGENSCHEIDT GmbH
The subsequent fine machining process uses an already tried-and-tested MAPAL fine boring tool with guide pads, which is ultimately used to fully finish the centre bore for the stator bearing, including all stages. MAPAL produces the fine boring tool used in various designs. A welded design with blades and guide pads made from PCD was used for the tests in Chemnitz. The diameter can be adjusted in the µm range.

The stator housing is the new crankshaft

NILES-SIMMONS expects the manufacturing of stator housings to become as important to electric mobility as crankshafts were to combustion engines in the past. The expected quantities, cycle times and costs are in a comparable range. “Enquiries for these parts amount to 250,000 parts per year,” says CEO Klaus Kräher. By 2030, there may be demand for as many as 20 to 50 million parts worldwide. “A 50 percent time saving is a huge statement, especially as there is definitely more potential in our new process,” says Kräher.
The semi-finishing tool for inner machining is surrounded by a bell-shaped outer tool.
The semi-finishing tool for inner machining is clamped in the lower spindle. It is surrounded by the bell-shaped outer tool, which is securely mounted.   © NILES-SIMMONS-HEGENSCHEIDT GmbH

In addition to the successfully implemented vertical concept, NILES-SIMMONS is also investigating the possibility of refitting existing horizontal machines. The Chemnitz-based company has over 300 turn-broaching and crankshaft milling machines currently in use in car manufacturers’ crankshaft production lines worldwide. Both the innovative process and MAPAL’s tools can also be integrated into a horizontal version of the concept. MAPAL also offers the possibility of using additively-manufactured tools in which weight savings are not the sole focus and coolant outlets can be geared even more specifically towards the cutting edge.

Apart from the machining of stator housings, the process can also be used for other workpie­ces from a wide range of sectors, such as cooling elements for hybrid engines, pipe and flange couplings for the oil and gas industry, bearing and housing components for general machining, and workpieces for the plastics industry. This makes this process relevant for a very wide range of different workpieces with tube- and pot-shaped geometry requiring tolerances less than or equal to IT6 and with ultra-precise shape and position tolerance.
 


Kathrin Rehor, PR Project Manager at MAPAL

Contact

Kathrin Rehor Public Relations Kathrin.Rehor@mapal.com Phone: +49 7361 585 3342


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